Warum ein MINT-Programm nur für Frauen?

In Deutschland fehlen MINT-Fachkräfte mit Hochschulabschluss.

Der Fachkräftebedarf in den naturwissenschaftlich-technischen Berufen ist hoch – laut MINT-Frühjahrsreport 2023 des Instituts der deutschen Wirtschaft waren in Sachsen im April 2023 mindestens 27.000 Stellen für MINT-Fachkräfte unbesetzt, 10.100 von ihnen auf akademischer Qualifikationsebene.

Nachwuchs für die innovationsstarke MINT-Branche auszubilden und in der Region zu halten, ist unerlässlich, um den Wirtschaftsstandort Sachsen wettbewerbsfähig zu erhalten, den gesellschaftlichen Herausforderungen wie Dekarbonisierung und Digitalisierung zu begegnen und attraktive Lebensbedingungen vor Ort zu garantieren. Denn: Branchenanalysen zeigten, dass innerhalb Deutschlands MINT-Erwerbstätigkeit und Innovationsstärke eng miteinander verzahnt seien. So hätten in den hochinnovativen Branchen der M+E-Industrie im Jahr 2019 zwischen 55 Prozent (Elektroindustrie) und 66 Prozent (Technische FuE-Dienstleistungen) aller Erwerbstätigen einen MINT-Hochschulabschluss oder eine berufliche Qualifikation in einer MINT-Fachrichtung [1, S.17].

Gleichzeitig sind Frauen im MINT-Bereich nach wie vor unterrepräsentiert: bundesweit studierten im Jahr 2022 35 Prozent Frauen ein MINT-Fach, was zwar einem Rekordhoch für Deutschalnd entsprach [2] , womit sie jedoch nach wie vor in der Minderheit bleiben.

Das Geschlechterverhältnis in MINT-Studiengängen in Sachsen ist höchst unausgeglichen.

Von den 43.382 Studierenden, die im Wintersemester 2022/23 in der Fächergruppen Mathematik und Naturwissenschaften (ohne Lehramt, 10.488 Studierende)  sowie Ingenieurwissenschaften (32.894 Studierende) an einer sächsischen Hochschule eingeschrieben waren, waren 45 bzw. 24 Prozent weiblich. Bei denjenigen, die im Wintersemester 2022/23 das erste Fachsemester absolvierten, waren es 45 respektive 39 Prozent. Dabei zeigt sich bei genauerer Analyse der Daten, dass eine starke Geschlechtersegregation auch innerhalb der Fächergruppen zwischen den Studiengängen vorherrscht [3].

 

Hochschuldaten aus Sachsen

In den Technikwissenschaften unterscheiden sich beispielsweise Bauingenieurwesen und Elektrotechnik, mit hohen Männeranteilen von Biotechnologie und Architektur mit hohen Frauenanteilen.  

Anzahl der Studienanfänger*innen im Wintersemester 2022/23

männlich weiblich gesamt
Bauingenieurwesen 409 178 587
Elektrotechnik 341 77 418
Architektur 39 69 108
Biotechnologie 58 134 192

Und während bei den Naturwissenschaften Biologie oder Pharmazie mehrheitlich von Frauen oder ausgeglichen zwischen Frauen und Männern studiert werden, dreht sich das Bild in Physik, Mathematik oder Informatik wieder um. Diese Fächer werden hauptsächlich von Männern studiert.

Anzahl der Studienanfänger*innen im Wintersemester 2022/23

männlich weiblich gesamt
Physik 259 85 344
Mathematik 149 74 223
Informatik 732 271 1003
Biologie 78 173 251
Pharmazie 17 26 43

Ein ausführlicher Einblick in die Daten ist in der folgenden Tabelle des Statistischen Bundesamtes abrufbar:

Studienanfänger*innen in Sachsen im Wintersemester 2022/23 nach Studienfach, Geschlecht und Nationalität

© Statistisches Bundesamt (Destatis), 2023 | Stand: 30.11.2023 / 15:23:41

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Mehr über die Systamatik der Fächergruppen, Studiengäng eund Studienbereiche gibt es auf der Seite des statistischen Bundesamtes.

Geschlechterstereotype stehen der freien, an Fähigkeiten und Berufsaussichten orientierten Berufswahl der Schulabsolvent*innen entgegen.

Dieser sogenannte Gender-Gap ist nicht nur durch reine Neigung der Studienanfängerinnen zu begründen.

 

"Chancengleichheit in Bildung und Berufen ist in Deutschland unter dem Aspekt der anhaltenden ungleichen Verteilung von Frauen und Männern auf soziale und technische Berufe noch nicht verwirklicht. Zahlreiche Studien verweisen darauf, dass die Gründe für das Berufswahlverhalten und die darauf basierende Geschlechtersegregation in Ausbildungsberufen, Studiengängen und im Erwerbsleben vielfältig und über alle Lebensphasen und Lebensbereiche hinweg zu finden sind.“
Nationales MINTforum, 2022

Einige wichtige Gründe sind

  • fehlende Rollenvorbilder für Mädchen in MINT: Vorbildern kommt eine zentrale Bedeutung in unserer Sozialisation zu, indem sie gesellschaftliche Rollen vermitteln. Forschung hat gezeigt, dass weibliche Rollenmodelle wichtig sind, damit Mädchen positive Einstellungen gegenüber MINT entwickeln [4]. Diese sind aber oft im familiären oder schulischen Umfeld kaum vorhanden oder zu wenig sichtbar [5], die wichtige Identifikationsfigur für Mädchen fehlt.
  • fehlende oder falsche Vorstellungen über mögliche spätere Berufsbilder: Die OECD Studie „Dream Jobs? Teenagers’ Career Aspirations and the Future of Work" konstatierte 2020 eindrucksvoll, dass 15-jährige Jugendliche in den OECD-Staaten sich überwiegend in traditionellen Berufen sehen. Neue Berufsbildern, mit starkem Wachstumspotential, die mit der Digitalisierung entstanden sind, kommen in ihren Antworten auf die Frage, wo sie sich in 30 Jahren arbteien sehen, kaum vor [6]. Dies ist insgesamt auf eine große Orientierungslosikgkeit zurückzuführen. In einer Situtation, in der Information fehlt, werden Jugendliche auf stereotype Vorstellungen und traditionell vergeschlechtlichte Berufswünsche zurückgeworfen [7].
  • Wirkung geschlechtsspezifischer Stereotype bei der Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten: Eine große Rolle dabei, wa jemand sich zutraut, zu tun, stellt die Antwort auf die Frage "Was kann ich gut?", dar. Das gilt auch im Kontext Studien und Berufswahl - so weit, so logisch. Noch wichtiger als die Antwort auf diese Frage ist jedoch die nach dem sogenannten intrapersonellen Vergleich, also: "Was kann ich besser als etwas anderes?" [8]. Während die vergeschlechtlichung von Fächerkompetenzen unter jugendlichen Frauen in der Tendenz zurückgeht, und sie weniger der generischen Aussage "Jungs sind besser in Mathe als Mädchen." zustimmen, stimmen sie der Aussage "Ich bin schlechter in Mathe als in Englisch." nachwievor häufiger zu als gleichatrige Jungs - und das unabhängig von den Noten in den jeweiligen Schulfächern [9]. Geschlechterstereotype bleiben hier wirkmächtig.

Um den Frauenanteil in den MINT-Berufen zu erhöhen, brauchen sie auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Orientierungsangebote.

Diesen Auswirkungen von Geschlechterstereotypen, mit denen sich Frauen während der beruflichen Orientierung konfrontiert sehen, kann und sollte aktiv und spezifisch begegnet werden. Das Sachsen-Technikum tut dies und geht durch Programmaufbau und spezifsiche Programmbausteine gezielt auf die Bedürfnisse von Frauen in MINT ein.

  • Das Sachsen-Technikum bringt Schulabsolventinnen mit Rollenmodellen in Kontakt und bietet Identifikation. Im Rahmenprogramm werden Austauschrunden für die Teilnehmerinnen mit Frauen im fortgeschrittenen Studium und Beruf organisiert, bei dem sie mehr über persönliche Werdegänge, Hürden und Bewäligungsstrategien in geschütztem Raum von ihnen erfahren können. Außerdem wird durch die Technikantinnengruppe, vor Ort, sachsenweit und in Kooperation mit den Partnerprogrammen auch bundesweit, die Sichtbarkeit von Frauen, die sich für MINT interessieren erhöht.
  • Das Sachsen-Technikum ermöglicht das Erleben einer großen Vielfalt an aktuellen Berufsbildern. Druch den großen praktischen Anteil des Technikums, bei dem die Teilnehmerinnen über einen Programmablauf jeweils drei Monate lang an drei Tagen die Woche in einem und dann in einem anderen MINT-Unternehmen arbeiten, können sie die Vielfalt der MINT-Berufe kennelernen. Sie erfahren ganz praktisch, welche Berufsbilder und Tätigkeiten in den Unternehmen möglich sind.
  • Das Sachsen-Technikum bestärkt die Teilnehmerinnen in Ihren (MINT-)Fähigkeiten und Interessen. Als GAP-Year zwischen Schulabschuss und Studienbeginn konzipiert, nimmt das Sachsen-Technikum den Druck aus dem Studienbeginn und gibt Zeit zur Entfaltung. Statt sich um das Bestehen von Prüfungen sorgen machen zu müssen, haben die Technikantinnen Zeit, sich im Kontext Studium und Beruf ersteinmal selbst zu erleben und damit auch zu erleben, worin sie gut sind und was ihnen an MINT Freude macht. Dabei werden sie von den Koordinatorinnen an den Hochschulen beratend begleitet.

 

Quellen

[1] Anger, C., Betz, J. & Plünnecke, A. (2023, 24. Mai). MINT-Bildung stärken, Potenziale von Frauen, Älteren und Zuwandernden heben. Institut der deutschen Wirtschaft (IW). https://www.iwkoeln.de/studien/christina-anger-julia-betz-axel-pluennecke-mint-bildung-staerken-potenziale-von-frauen-aelteren-und-zuwandernden-heben.html

[2] 6,5 % weniger Studienanfängerinnen und -anfänger in MINT-Fächern im Studienjahr 2021. (2023). Statistisches Bundesamt. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2023/01/PD23_N004_213.html

[3] Schludi, M. (2022, 16. September). Ingenieur- und Naturwissenschaften: In manchen MINT-Fächern dominieren Frauen - IAB-Forum. IAB-Forum. https://www.iab-forum.de/ingenieur-und-naturwissenschaften-in-manchen-mint-faechern-dominieren-frauen/

[4] Wang, M. T., & Degol, J. L. (2017). Gender gap in science, technology, engineering, and mathematics (STEM): Current knowledge, implications for practice, policy, and future directions. Educational psychology review, 29, 119-140.

[5] IU Internationale Hochschule (Hrsg.). (2023). MINT Bildung. Was junge Frauen darüber denken.: Kurzstudie 2022. www.iu.de. Abgerufen am 15. Dezember 2023, von https://static.iu.de/studies/Junge_Frauen_in_MINT_Kurzstudie.pdf

[6] OECD (Hrsg.). (2020). Dream Jobs? Teenagers’s Career Aspiration and the Future of Work. Abgerufen am 15. Dezember 2023, von https://www.oecd.org/berlin/publikationen/Dream-Jobs.pdf

[7] Dale, S. (2015). Heuristics and biases. Business Information Review, 32(2), 93–99. https://doi.org/10.1177/0266382115592536

[8] Eccles, J. (2011). Gendered educational and occupational choices: Applying the Eccles et al. model of achievement-related choices. International Journal of Behavioral Development, 35(3), 195-201.

[9]

Ansprechperson

M. Sc. Charlotte Seidel

Foto von Charlotte Seidel

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